Reisebericht des Schostakowitsch-Sinfonieorchesters 2023

Austausch mit dem Kosovo Youth Orchestra –
eine Odyssee im homerischen Sinne?

 

Vorwort

Ἄνδρα μοι ἔννεπε, Μοῦσα, πολύτροπον, ὃς μάλα πολλὰ
πλάγχθη, ἐπεὶ Τροίης ἱερὸν πτολίεθρον ἔπερσε

Höret Ihr Musen und lasset euch von dem vielgewandten Orchester erzählen, das aufbrach zu einer Reise in den Kosovo, um gemeinsam zu musizieren und Glück miteinander zu teilen.

Wir können stolz sein auf uns.
Stolz zu sein auf sich selbst ist verdächtig.
Doch wir können stolz sein auf uns –
jede und jeder für sich und wir zusammen als Orchestergemeinschaft.

Bei Odysseus verlief wenigstens die Hinreise ohne Komplikationen.

Das Ziel der griechischen Reise war im Gegensatz zu unserer Reise von Gewalt, selbstgewählten Strapazen und Missverständnissen ohne ernsthafte Klärungsbemühungen geprägt.

Wir hingegen waren alle Teil eines positiven, weltoffenen und interkulturellen Austauschs.

Wir haben tatsächlich versucht, alle Reiseschwierigkeiten vorauszusehen und zu umschiffen. Wir haben die verschiedenen Widrigkeiten, die uns heimgesucht haben, nicht herausgefordert.

Wir haben es ebenfalls im Gegensatz zu Odysseus, der im Grunde seines Herzens und Handelns Einzelkämpfer war, als Gemeinschaft geschafft, heil und letztendlich beglückt wieder zurückzukehren. Und uns erwartet kein wildgewordenes und brachliegendes Zuhause, sondern die freundliche Aufnahme unserer Familien, Freund*innen und Kolleg*innen. Dafür sind wir dankbar.

Doch beginnen wir unsere Geschichte von vorne.

Kapitel 1: Die logistischen Herausforderungen unserer Reise

1.1 Reiseplanungen im Vorfeld

Unsere Planungen begannen nach den Sommerferien 2022. Schon länger hegten wir den Wunsch, ein anderes Land im Rahmen eines Orchesteraustauschprojektes zu besuchen. Dank guter Kontakte kam über unsere Cellodozentin, Amanta Istrefi, der Vorschlag, ob wir nicht ihr Heimatland, den Kosovo, als Ziel auserkiesen wollen. Sie hatte mit dem Kosovo Youth Orchestra auch direkt ein zu uns sehr gut passendes Orchester im Blick.

Nach Beratschlagungen in unserem Vorstand, ersten Gesprächen mit dem Dirigenten des KYO, Kushtrim Gashi, und einer allgemeinen Abfrage von möglichen Terminen im Orchester konnte die tatsächliche Planung beginnen.

Aufgaben wurden verteilt und auf allen logistischen Baustellen begann rege Tätigkeit: Es wurde ein erster Finanzplan erstellt, Kosten für Transporte und Hotels eruiert, die Musikschulleitung einbezogen in die Überlegungen, Antragstexte wurden geschrieben, Fördermöglichkeiten ausgelotet, Anträge gestellt, private Spendenoptionen geprüft und vieles mehr. Das Projekt lief an. Schon während der Weihnachtszeit kamen das erste Mal Zweifel auf, ob wir dieses Projekt tatsächlich stemmen können werden, da die Fristen nur gerade so eingehalten werden konnten und die Zeitpläne der unterschiedlichen Förderstellen nicht mit unserer gespannten Erwartungshaltung harmonierten. Im Januar kam schließlich mit dem Goethe-Institut die erste große Förderzusage, die für uns der Startpunkt war, tatsächlich Buchungen vorzunehmen und zu sagen: „Wir schaffen das!“, oder zumindest: „Wir machen das!“

Nun ging es schnell und die wirklichen Herausforderungen konnten beginnen.

1.2 Reiseplanungen Teil 2

Eine Gruppenanfrage bei easyjet spuckte eine – so dachten wir – verlässliche Summe aus, die wir in der Finanzplanung aktualisierten. Der Vertrag mit dem Goethe-Institut für den ersten Teil des Austauschprojektes, also unsere Reise in den Kosovo, wurde unterschrieben. Am nächsten Tag wollten wir die Buchung bei easyjet bestätigen. Doch innerhalb dieser kurzen Zeitspanne waren die Preise bei der vermeintlichen Billigflugairline um 7000€, in Worten: siebentausend Euro, aufgrund des firmeneigenen Algorithmus gestiegen. Auch mehrere Telefonate konnten der kundenunfreundlichen Haltung des Konzerns nicht beikommen. An diesem Preis war nicht zu rütteln. Also mussten wir zum ersten Mal kreativ werden.

Schnell konnten wir Alternativen finden, die uns deutlich mehr abverlangen würden an Zeit und Energie, doch unserem Budgetrahmen entsprachen. Das beste Preis-Leistungs-Verhältnis bot uns das albanisch geführte Busunternehmen Nisi Reisen. Die Überweisung auf ein ausländisches Konto und die Notwendigkeit einer Rechnung oder Quittung waren nochmal kleinere Hürden, die mit zusätzlichem Einsatz aber lösbar waren. Mit diesem Angebot planten wir eine Hinfahrt von ca. 22 Stunden mit dem Bus, um dann auf dem Rückweg fliegen zu können. Trotz unserer Verstimmungen aufgrund der gerade gemachten Erfahrungen, schien es uns am besten, den Rückflug mit easyjet wie ursprünglich geplant am Montagabend zu buchen. Gesagt, getan.

Parallel lief unsere Bewerbung des Projektes weiter. Es wurde ein Werbevideo gedreht und bei betterplace hochgeladen, weitere Förderzusagen z.B. vom Chorverband Berlin und vom Lionsclub Hohenschönhausen trudelten bei uns ein und die Stimmung, dass wir nicht am Ende auf einem großen finanziellen Defizit sitzen bleiben würden, wurde immer besser. Wir gingen in Vorleistung, die ersten Gelder vom Goethe-Institut kamen bei uns an, der Freundeskreis der Musikschule erstattete Vorverauslagungen schnell zurück und wir wurden immer optimistischer, dass alles glatt laufen würde.

Am 28.3. (also 7 Wochen vor unserem Abflugtermin!) kam dann der nächste Dämpfer unserer positiven Energien, denn easyjet schrieb:

„leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass wir eine Änderung an Ihrem Flug nach Berlin mit der Buchungsnummer K4Z8C99 vornehmen mussten. Leider wurde dieser Flug annulliert, wir konnten Sie jedoch auf einen alternativen Flug an einem anderen Datum umbuchen.“

Dieser Alternativtermin allerdings war für Sonntagmittag terminiert, also bereits mehrere Stunden vor unserem geplanten Konzert. Keine Option.

Also rotierten wir erneut, um Alternativen zu finden: Noch eine Busfahrt? – keine gute Idee. Andere, erschwingliche Flüge finden mit genug Kapazitäten? – schwierig ohne Unterstützung eines Reiseunternehmens.

Glücklicherweise konnte unsere Solistin, Julia Ungureanu, einen Kontakt zu Mike Wegener und seinem Reiseunternehmen „tour concept travel & transport management gmbh“ herstellen, der viel Erfahrung mit Orchesterreisen hat und uns sehr freundlich unterstützte, erst beratend, dann auch buchend. Diese Verbindung sollte sich auch später noch als sehr hilfreich herausstellen. Die einzige Option, für die es noch Flüge in unserem Preisrahmen gab, war ein Flug mit Austrian Airlines am Montag morgen um 6:10 Uhr. Damit verloren wir zwar einen halben Tag, den wir ursprünglich eingeplant hatten, um noch etwas vom Land zu sehen, aber konnten immerhin sicherstellen, dass wir alle wieder nach Berlin zurückkehren würden, ohne nochmal eine lange strapaziöse Busfahrt auf uns nehmen zu müssen.

Wie man sich unschwer vorstellen kann, traf sich unser Vorstand in dieser Zeit sehr häufig und die ehrenamtliche Arbeit war für alle sehr intensiv. Auch mit dem Orchester und dem Goethe-Institut waren wir währenddessen in beständigem Austausch, prüften unsere rechtlichen Möglichkeiten, ließen uns vom Landesverband der Amateurorchester in Berlin (LBBL) beraten und konnten überall auf offene Ohren, Empathie, Mithilfe und Unterstützung bauen.

Bis zum geplanten Abreisetag, Mittwoch, den 17.5., um 18:30 Uhr, wurden wir nicht von weiteren Unruhen und Stürmen durchgerüttelt. Unsere regelmäßigen Proben und die positive, musikalische Entwicklung im Orchester waren sehr wichtig für unsere Stimmung und die gespannte Vorfreude auf unsere Reise. Doch dazu später mehr.

1.3 Die Abreise

Pünktlich um 18:00 Uhr stand unser Bus bereit, alle Mitspielenden waren vollzählig vor Ort. Alle Listen mit Daten der Mitspielenden, die Zuordnung der Instrumente für den Zoll, abgewogene Taschen und genug Verpflegung waren parat. Der Bus wurde beladen. Die Stimmung der Busfahrer war gut. Wir waren tatsächlich startbereit.

Alles sah danach aus, dass wir nun wirklich gleich starten würden in unsere abenteuerliche Reise. Doch weit gefehlt.

Wie üblich, empfohlen und sinnvoll für solch lange Reisen, hatten wir bei der Polizei angegeben, dass wir mit einem Busunternehmen vom Standort Stolzenfelsstraße starten würden. Sinn und Zweck dieser Anmeldungen ist es, dass der Bus einmal gecheckt und die Sicherheit des Busses überprüft und gewährleistet wird. Für so eine lange Reise sicher nicht verkehrt. Leider hatten die Polizisten schon beim Ausstieg aus ihrem Auto einen anderen Fokus. Ihre erste, etwas ruppige Frage betraf das Kennzeichen des Busses. Sie wollten wissen, was das denn für ein Kennzeichen sei. Eine merkwürdige Frage. Mit freundlichen Antworten unsererseits schien ihre erste Rauheit freundliche Risse zu bekommen, die leider schnell wieder hinter der strengen Fassade verschwanden, als sie feststellten, dass unsere Busfahrer nicht so gut deutsch sprachen und der Dolmetscher des Unternehmens die polizeiliche Überprüfung als Misstrauen interpretierte. Die Polizisten fanden nun ein Haar in der Suppe, das sie finden wollten. Und zwar: Das Unternehmen hatte zwar eine Lizenz für den Linienverkehr von Hamburg über Berlin nach Prishtina, alle Führerscheine und der Bus waren in Ordnung, aber da wir gerade nicht am ZOB in Berlin Charlottenburg um 12:30 Uhr (Abfahrt laut Linienfahrplan) starten wollten, hätte das Unternehmen einen Antrag auf „Gelegenheitsverkehr“ stellen und bewilligt bekommen haben müssen.

Wir konnten kaum glauben, dass daran unsere Reise nun im letzten Augenblick noch scheitern sollte. Ungläubig fragten wir die Polizisten um Rat, was wir jetzt tun könnten. Doch die Polizisten konnten nicht weiterhelfen und verstanden sich auch nicht als „Freunde und Helfer“ (Originalzitat: „Den Slogan finde ich sowieso scheiße!“), sondern als Vollstrecker der vorhandenen Verordnungen. Ratlos standen wir da, nachdem die Polizei abgefahren war. In einer Krisenberatung mit allen, bei der auch diskutiert wurde, was passieren würde, wenn wir jetzt nicht fahren könnten (Förderungen zurückzahlen, auf ca. 30.000€ schon getätigter Ausgaben sitzen bleiben, Konzertausfall uvm.), fanden wir zum Glück eine Lösung, die alle mit viel Gelassenheit aufnahmen: Wir würden am nächsten Tag ganz offiziell um 12:30 Uhr als Linienverkehr mit einem Bus von Nisi Reisen starten, mit Einzeltickets, ganz legal im Rahmen ihrer Linienverkehrslizenz.

Für diesen Abschnitt unserer Odyssee lässt sich festhalten: Alle Beteiligten hatten alles so gut geplant wie wir konnten, das Busunternehmen wollte das Beste für uns und die Polizisten taten ihren Job. Ich persönlich denke, dass die deutsche Bürokratie und die Kleinlichkeit der Polizisten hier verhindernd gewirkt haben, doch wären wir auf der Autobahn angehalten worden und hätten dort eine genauere Prüfung erfahren, dann wäre der Bus wahrscheinlich auch angehalten worden, wir wären irgendwo gestrandet und das Busunternehmen hätte 3000€ Strafe für eine Ordnungswidrigkeit zahlen müssen. Über Nacht bekam zudem ein Orchestermitglied Magen-Darm-Symptome. Wie wäre das wohl auf der Busfahrt gewesen? Insofern hatten wir vielleicht Glück im Unglück und auch die strikte Regelbefolgung in Deutschland hat ihre Vorteile. Denn obwohl wir uns über viele Dinge hier beschweren können, sind unsere Standards schon sehr hoch, wie sich für uns an vielen Kleinigkeiten auf dieser Reise immer wieder zeigen konnte. Die zugewandte Menschlichkeit und Flexibilität aller Kosovar*innen, die wir getroffen haben, überstieg allerdings die Empathiefähigkeit der Polizisten, die uns kontrollierten, bei weitem.

Am nächsten Tag waren wir verständlicherweise etwas nervös, als wir uns alle um 12 Uhr am ZOB einfanden und waren uns nicht endgültig sicher, ob unsere Reise nun wirklich starten können würde. Auch das Busunternehmen war wieder sehr pünktlich vor Ort.

Und genau um 12:30 Uhr rollten wir tatsächlich los.

1.4 Die Busfahrt

Als wir um 12:30 Uhr vom ZOB abgefahren sind, ist, denk ich mal, allen erstmal ein Stein vom Herzen gefallen: Endlich sind wir los. Schon der erste gefahrene Meter am Donnerstag war mehr als alles, was wir am Mittwoch geschafft hatten. Daher waren alle glücklich, dass es nun losging. Die Sorge, dass wir doch nochmal angehalten werden von der Polizei, hat sich nicht bestätigt, sodass wir glücklichen Herzens losfuhren.
Die Stimmung am Anfang war erwartend, aufgeregt und erleichtert. Nach einigen Minuten kamen wir in unseren ersten Stau, der uns glücklicherweise nicht zu lange aufhielt, und wir durften im Folgenden eine doch recht angenehme Busfahrt auf Deutschlands-Autobahnen erfahren.

Gegen 16 Uhr überquerten wir unsere erste Ländergrenze nach Tschechien. Ein Land näher an den Kosovo heran. Je weiter wir von Berlin wegfuhren, desto entspannter und zuversichtlicher wurde unsere Stimmung, dass wir es tatsächlich schaffen würden und sich doch alles noch zum Guten gewendet hat. Andererseits hatten wir noch einige weitere Ländergrenzen und eine EU-Grenze vor uns. Aber jetzt konnten wir erstmal die schöne Landschaft Tschechiens genießen, während die ersten Snacks aus unserer Orchester-Snack-Wundertüte verteilt wurden.

Als nächstes kamen wir in die Slowakei. Dort musste als Erstes von unseren Busfahrern eine Vignette für die Autobahn gekauft werden. Nicht lange darauf durchfuhren wir auch schon Ungarn während das Tageslicht der allmählichen Dunkelheit wich. Nun hieß es: Achtung, bald kommen wir zur EU-Außengrenze, der Grenze zu Serbien.

Auf den regelmäßigen Pausen vertrieben wir uns die Zeit mit einem Gang zu den Toiletten, einem kurzen, aber ordentlichen Beine-vertreten, einem schnellen Menü bei McDonalds oder einer knackigen Sportrunde mit dem gesamten Orchester.

Um ca. 1:30 Uhr kamen wir an der serbischen Grenze an. Während wir warteten, durften wir natürlich nicht verpassen, allen Leuten zu beweisen, dass wir Musiker:innen sind. Also wurde gemeinschaftlich ,,Der Mond ist aufgegangen“ dargeboten.
Nun mussten wir als Erstes aus Ungarn ausreisen. Das hieß: alle einmal aussteigen, Ausweise/Pässe vorzeigen und wieder einsteigen. Dann fuhren wir das kurze Stück zur serbischen Grenze, um in Serbien wieder einzureisen. Diesmal mussten wir aber nicht sofort aussteigen, sondern unsere Ausweise/Pässe wurden für die Kontrolle erstmal eingesammelt und dann sollten wir sie wieder abholen kommen und über die Grenze laufen. Die ganze Prozedur dauerte bis ca. 2:30/3:00 Uhr. Dann stiegen wir alle wieder ein und eine lange Fahrt durch Serbien stand uns bevor.

Die Fahrt durch das nebelverhüllte Serbien haben wir größtenteils schlafend verbracht. Bis wir um 6:30 Uhr eine längere Pause gemacht haben. Ab da waren auch schon wieder mehr Leute wach und bestaunten bei weiteren Snacks (aus der Orchester-Wundertüte) die Landschaft Serbiens. Um ca. 10:30 Uhr kamen wir zur kosovarischen Grenze, welche wir zügig und ohne größere Vorkommnisse überquerten. Endlich im Kosovo angekommen begrüßte uns das Land in seiner ganzen Pracht mit Sonnenschein, Bergen und Städten.

Relativ schnell nach der Grenze verabschiedeten wir uns von unseren Busfahrern, die uns beide souverän quer durch Europa gefahren haben. Für die letzten Kilometer zu unserem Hotel bekamen wir einen anderen Busfahrer. Zur guten Einstimmung auf unsere bevorstehende Probe () hörten wir unser Programm und Stücke aus alten Programmen an, bis die Musik vom Bus wieder in den Vordergrund rückte.

Nach 24 Stunden und 2 Minuten (soviel Zeit muss sein) kamen wir erschöpft, aber sehr glücklich bei unserem Hotel an.

1.5 Die Rückreise

Nach erfüllten und intensiven Tagen vor Ort, die wie im Flug mit wenig Schlaf, viel Musik und tausend neuen Erfahrungen vergangen waren, trennten sich die Wege des KYO und unseres Orchesters nach unserem fulminanten Auftritt wieder. Wir fuhren, euphorisiert vom Konzert, zurück ins Hotel für ein letztes gemeinsames Abendessen und eine viel zu kurze – Aufstehen war für 2:30 Uhr!!! geplant – Nacht. Als alle beim Essen saßen und die ersten sich schon ins Bett begeben hatten, um noch eine kleine Mütze mehr Schlaf abzubekommen, kam die nächste Hiobsbotschaft, die unsere gute Stimmung beinahe doch noch gekippt hätte: Austrian Airlines schrieb um 22:01: „Your Austrian flight OS770 from Pristina to Vienna International Airport on 22.5.2023 has been cancelled. Please accept our sincere apologies. We are currently looking for alternatives and will contact you as soon as we have found a solution.“ Auf einmal waren wir wieder hellwach und unser gesamter Vorstand in Alarmstimmung. Mehrere mehr oder weniger freundliche Telefonate mit Austrian Airlines mit einer Gesamtwartezeit von über 3 Stunden später, konnten wir dann schließlich allen verkünden, dass es tatsächlich am eigentlich geplanten Rückreisetag keine Rückreisemöglichkeit für uns geben würde und die einzige Alternative einen Tag später, am Dienstag, den 23.5., um 12:30 Uhr sein würde. In der Zwischenzeit hatten zum Glück auch alle, bei denen die arbeitsrechtlichen Konsequenzen oder Verfahren in ihren Schulen unklar waren, mit ihren Lehrer*innen oder Arbeitskolleg*innen klären können, dass sie die Verschiebung irgendwie möglich machen konnten. Diese Flexibilität, der spontane Einsatz aller Mitspielenden, die reibungslose Kommunikation mit Angehörigen und Arbeitskolleg*innen war wirklich überragend! Es ist wirklich schön mit so einer Gruppe unterwegs zu sein, die sich so gut versteht, lauter tolle Familien, Freundinnen und Freunde im Hintergrund hat und außerdem auf viel Verständnis und Entgegenkommen bei ihren Arbeitgeber*innen bauen darf – wahrscheinlich nicht zuletzt deswegen, weil alle aus unserem Orchester selbst stets hundertprozentigen Einsatz zeigen und auf sie einfach immer Verlass ist. Auch hatten wir enormes Glück mit dem Entgegenkommen unseres Hotels, das ganz unkompliziert und unbürokratisch sofort bereit war, uns noch eine weitere Nacht zu beherbergen. Ab ca. 2:30 Uhr wurde der Abend dann für die Wachgebliebenen noch etwas vergnüglicher bei Billard, Tischtennis ohne Kellen oder Kraftübungen J

Am nächsten Morgen hatten sich die Wogen und die Aufregung der Nacht zuvor gelegt und auch alle, die am Abend noch verzweifelt waren, ob sie es sich wirklich erlauben konnten, einfach noch einen Tag bei der Arbeit oder in der Schule zu verpassen, waren um 11 Uhr zur vereinbarten Zeit in der Essenshalle versammelt, sodass unser zusätzlicher, sozusagen „geschenkter“ Tag in Prizren beginnen konnte. Doch dazu später mehr, denn wir möchten die geneigten Leser*innen nicht auf den letzten Metern unserer Odyssee verlassen, ohne das ersehnte heimische Ufer auch wirklich erreicht zu haben.

Am 23.5. konnten wir dann ohne weitere Schreckensmeldungen wie geplant zum Flughafen fahren. Beim Einchecken gab es für zwei unserer Celli noch kleinere Probleme, weil beim Umbuchen zwei unterschiedliche Programme scheinbar nicht richtig miteinander harmoniert hatten, doch schließlich waren alle Gepäckstücke abgegeben, die Sicherheitsschranken für uns hochgegangen und wir konnten alle zusammen boarden. Auch der Anschluss zu unserem Flug von Wien nach Berlin klappte (mit 50 Minuten Verspätung) problemlos und am BER lief mit unserer Gepäckausgabe alles besser, als man es in den kühnsten Träumen hätte erwarten dürfen.

Wir waren also wieder zurück, hatten viele Erfahrungen sammeln dürfen und werden noch lange allen möglichen Menschen – ob sie es hören wollen oder nicht – von unserer Reise berichten können und staunende Gesichter ernten.

Nun geht es aber in medias res, also mitten hinein in all die inhaltlichen Erlebnisse, den eigentlichen Kern unseres Austauschs.

Kapitel 2: Der musikalische und menschliche Austausch, Erlebnisse vor Ort

Als wir endlich mit unserem Bus im Hotel angekommen waren, war die Luft schon mit Musik erfüllt. Denn ein kleiner Teil von uns, der von vornherein gesagt hatte, dass er nur dabei sein könne, wenn wir auch auf dem Hinweg einen Flug für sie buchen, war ganz regulär und ohne Komplikationen angekommen und probte schon seit dem vorherigen Abend zusammen mit dem KYO. Die heranfliegenden Töne tröpfelten auch in unsere übernächtigten Geister und nach dem Einchecken auf unseren Zimmern konnten die Proben beginnen.

Uns stand ein toller großer Festsaal zur Verfügung, in dem wir bei Tuttiproben mit allen Musizierenden zusammen einen Großteil unserer Zeit verbrachten und wundervoll proben konnten. Aber auch Nebenräume und die Terrasse vor dem großen Essensaal konnte von uns später zu Teilproben in kleinere Gruppen genutzt werden. Der musikalische Austausch lief von Anfang an sehr gut! Die Pulte wurden gemischt, sodass möglich immer ein Mitglied des KYO neben einem vom SSO saß. Alle Musiker*innen waren dabei sehr offenherzig, freundlich und bereit, gewohnte Sitzpositionen zu verändern. Die Schwingungen zwischen unseren Dirigenten waren sofort beim ersten realen Kennenlernen so als hätten sie sich schon lange und nicht nur aus virtuellen Konferenzräumen gekannt. Und die Stimmung war trotz anfänglicher Müdigkeit, sprachlichen Barrieren, die es zu meistern galt, unterschiedlichen Dirigierstilen, die richtig interpretiert werden wollten, Doppelbesetzungen bei den Bläsern und anderen kleineren und größeren Herausforderungen sofort sehr positiv und für alle enorm bereichernd. Man konnte deutlich spüren, dass sich beide Orchester sehr gut vorbereitet hatten und wir gemeinsam zu musikalischen Höchstleistungen imstande sein würden. J Damit wir unser Potenzial auch wirklich voll ausschöpfen würden, standen die Proben natürlich im Fokus unseres Austausches und wir durften viele schöne, anstrengende, fordernde und erfüllende Proben miteinander verbringen. Aber auch außerhalb dieser Proben, verbrachten wir natürlich viel Zeit miteinander: Es wurde auf der Terrasse Fußball gespielt, miteinander gequatscht und Selfies gemacht, neue Kontakte geknüpft, ein gemeinsamer Ausflug in die Altstadt von Prizren mit Wanderung zur Burg unternommen, beim bunten Abend gemeinsam gesungen und getanzt und vieles mehr. Wir konnten sowohl beim Singen und Tanzen, als auch beim gemeinsamen Ausflug und vielen Einzelgesprächen, Einblicke in die kosovarische Kultur bekommen und Einblick in unsere Lebenswelten geben. Denn man muss festhalten, dass es große Unterschiede gibt zwischen den Möglichkeiten und Lebensrealitäten, die wir in Deutschland haben, und denen, die es im Kosovo gibt. Beim täglichen, gemeinsamen Musizieren spielten diese Unterschiede allerdings keine Rolle, sondern es war einfach toll voneinander zu lernen und miteinander an etwas intensiv zu arbeiten. Aber spätestens daran, dass der Gegenbesuch des KYO schließlich daran scheiterte, dass das KYO seine Visa (aufgrund unterschiedlicher unglücklicher Umstände) nicht ausgestellt bekommen konnte, zeigt sehr deutlich, dass es große Unterschiede in den Verwirklichungspotenzialen aller Mitspielenden gab und gibt. Wir hoffen sehr, dass diese Unterschiede schnell immer geringer werden und das KYO uns im nächsten Jahr dann schließlich doch einen Gegenbesuch abstatten kann.

Kapitel 3: Unser Konzert

Das Highlight, auf das wir alle zusammen intensiv hingearbeitet hatten, war natürlich unser Konzert in der kosovarischen Hauptstadt Prishtina, im großen Konzertsaal „Salla e Kuqe“. Früh morgens brachen wir mit zwei Bussen, vom Hotel für uns geschmierten Broten und natürlich unseren Instrumenten, Noten und Notenständern im Gepäck auf. Vor Ort hatten wir ein längere Generalprobe, um uns an den Saal zu gewöhnen, Stühle zu rücken und noch ein paar musikalische Kleinigkeiten zu korrigieren. In der Mittagspause vor dem Konzert streiften wir in gemischten Kleingruppen durch Prishtina, aßen kosovarische Spezialitäten, manche ruhten sich aus und viele sammelten Eindrücke, die fotografisch festgehalten wurden. Zur verabredeten Uhrzeit waren alle wieder vor Ort und die Anspielprobe folgte. Nachdem sich alle schick gemacht hatten, gab es noch ein Fotoshooting im und vor dem Saal und kurz darauf begann der Saal sich mit Publikum zu füllen. Auch aus der Politik kamen wichtige Personen wie zum Beispiel der Kulturminister. Als ein paar Minuten nach dem angesetzten Konzertbeginn tatsächlich fast alle Plätze besetzt waren, begann die Atmosphäre im Saal zu knistern und der wohlgeordnete Auftritt des Orchesters eröffnete das Konzert. Unser Programm bestand aus ganz unterschiedlichen Highlights des klassisch-romantischen Repertoires und einem moderneren Stück eines jungen kosovarischen Komponisten. Als erstes Stück erklang die Freischütz Ouvertüre von Carl Maria von Weber, gefolgt von der „Albanischen Ouvertüre“ von Hajrullah Syla. Zu Beginn gab es außerdem zwei kurze Reden von Kushtrim und Till, der ebenfalls ein paar wohl einstudierte Worte auf albanisch ans Publikum richtete. Nach den beiden Ouvertüren folgte ein besonders schönes Stück, nämlich Saint Saens „Introduction et rondo capriccioso“ für Solovioline und Orchester, bei dem unsere Dozentin und Solistin Julia Ungureanu das Publikum mit ihrem technischen Können und musikalischen Ausdruck begeistern konnte. Als nächstes großbesetztes Werk hatten wir uns die Enigma Variationen von Edward Elgar vorgenommen, die gerade in so einer großen Besetzung wie der unseren besonders viel Spaß machen und klanglich sehr überzeugen konnten. Als Auflockerung zum Ende des Konzertes folgten noch zwei kleinere, beschwingtere Stücke: zum einen die „Castillane“ aus Le Cid von Jules Massenet und zum anderen als sozusagen eingeplante Zugabe der Ungarische Tanz Nr. 7 von Johannes Brahms.

Beim Konzert waren alle hundertprozentig konzentriert und wir konnten das Publikum mit unserer Energie mitreißen. Anschließend wurden viele Hände geschüttelt, viele Erinnerungsfotos geschossen, Blumen übergeben, Umarmungen ausgetauscht und schließlich auch alles eingepackt und verstaut, damit wir die Rückreise ins Hotel antreten konnten. Alle waren beseelt und erfüllt vom gelungenen Konzert und spürten, dass sich die Strapazen der Reise und die intensiven Proben sehr gelohnt hatten.

Kapitel 4 unser zusätzlicher, „geschenkter“ Tag in Prizren

Dass diese positive Energie am Abend noch einen herben Dämpfer dadurch erfahren sollte, dass unser Rückflug gecancelt wurde und wir uns erst einen Tag später als geplant auf dem Rückweg nach Berlin befinden würden, ahnten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Aber was wir auch weder da noch am Abend der Hiobsbotschaft ahnen konnten, war, dass dieser Zusatztag ein vollständig glücklicher, entspannter und toller Tag voller Freude werden sollte. Solch einen zusätzlichen Tag ohne Proben und nur zum ausführlicheren Kennenlernen der Natur, Abschalten und Genießen sollte immer eingeplant werden, wenn wir nächste Reisen mit dem Orchester planen! An diesem Tag frühstückten wir etwas später und brachen dann mit fast allen zu einer wundervollen Wanderung durch die Berge auf. Ein paar Mitglieder unseres Orchesters verblieben im Hotel, um Hausaufgaben zu machen, zu lernen oder zu arbeiten. Aber auch bei den Zurückgebliebenen war die Stimmung sehr gut, geprägt von gegenseitiger Hilfsbereitschaft und Entspannung nach den fordernden Probentagen zuvor.

Kapitel 5: Wie war es? Wie sind die Stimmen aus dem Orchester? (n. in Arbeit)

Abschlussbemerkung

Insgesamt kann man sagen, dass unser Orchester als Gemeinschaft durch diese Fahrt sehr viel enger zusammen gewachsen ist, dass wir alle neue Facetten beieinander kennenlernen durften, dass alle neueren Mitglieder sehr gut integriert werden konnten und dass gerade der Austausch mit dem KYO, einer anderen Kultur und vielen Erfahrungen auch außerhalb des eigenen Komfortbereichs sehr inspirierend und bereichernd für alle waren. Wir hoffen, dass die geknüpften Bande mit dem KYO weiter bestehen werden und wir uns noch häufiger wiedersehen, -hören und miteinander musizieren werden!

Vielen Dank an alle Institutionen und Einzelpersonen, die uns unterstützt haben und diese Fahrt ermöglicht haben!!!